Ethnologisches Seminar

 

Forschungsprojekte Gerhard Anders

Aktuell

Der Special Court for Sierra Leone: internationale Strafgerichtsbarkeit im lokalen soziokulturellen Kontext (Habilitationsprojekt finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds)

Das Projekt erforscht die internationale Strafgerichtsbarkeit in Sierra Leone, wo ein ad hoc Strafgerichtshof mit Unterstützung der UNO eingerichtet wurde. Sein Ziel ist es einen empirisch fundierten Beitrag zur in Öffentlichkeit und Wissenschaft geführten Debatte über Vor- und Nachteile internationaler Strafgerichtshöfe zu leisten. Die Befürworter preisen die internationalen Gerichte als zentrale Bausteine einer kosmopolitischen Weltordnung, während die Gegner sie als eine Art „Siegerjustiz“ des Westens kritisieren.

Im Zentrum des Forschungsinteresses steht zum einen der lokale soziokulturelle Kontext und die Akzeptanz des Gerichts durch die Bevölkerung. Zum anderen sollen die Auswirkungen externer Einflüsse von internationaler und nationaler Ebene auf das Gericht näher untersucht werden. Interessant sind dabei in erster Linie die vielschichtigen Wechselbeziehungen zwischen den Debatten, die in der Rechtswissenschaft und den westlichen Medien geführt werden, und den Diskussionen um die Aufarbeitung der Bürgerkriege in Sierra Leone und Liberia.

Eine solche ethnologische Studie „von unten“ ergänzt juristische und politikwissenschaftliche Arbeiten und trägt zum besseren Verständnis dieses relativ jungen und schnell an Bedeutung gewinnenden Feldes der internationalen Strafgerichtsbarkeit bei. Der Erforschung einer afrikanischen Situation kommt dabei besondere Bedeutung zu, da ein Grossteil der von internationalen Tribunalen untersuchten Fälle in Afrika liegt.

Abgeschlossen

Im Schatten von Good Governance - Ethnographie einer Verwaltungsreform in Afrika (Dissertationsprojekt finanziert von der niederländischen Stiftung zur Förderung wissenschaftlicher Forschung in den Tropen WOTRO)

Ethnologische Studie von Beamten und den Auswirkungen von durch die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) unterstützten Strukturanpassungsprogrammen im Bereich der Good Governance in Malawi. Die Studie untersucht das Alltagsleben von Beamten in zwei urbanen Gebieten und richtet sich in erster Linie auf ihren Umgang mit den vielfältigen Veränderungen ihrer Lebenswelt durch die von der Weltbank und dem IWF geforderten und geförderten Verwaltungsreformen.

In einem „vertikalen Schnitt“ (Nader) verfolgt die Studie den Verlauf der Verwaltungsreform über internationale Vereinbarungen bis hin zur Durchführung, die auf meist passiven Widerstand in der gespaltenen Verwaltung stiess. In einem horizontalen Schnitt werden die unterschiedlichen Dimensionen des Alltagslebens beschrieben, die von den klientelistischen Beziehungen im Büro und der Instrumentalisierung von Korruptionsvorwürfen bis zu den Beziehungen mit Nachbarn und der Verwandtschaft auf dem Land reichen.

Das Projekt versteht sich als Beitrag zur Ethnologie des postkolonialen Staates und ist eine der wenigen Studien, die ethno-graphische Erkenntnisse über das Tun und Denken afrikanischer Beamter vorlegt. Die nuancierte ethnographische Beschreibung de-exotisiert den „schwachen“ oder „korrupten“ afrikanischen Staat. Auf dieser Basis wird eine grundlegende Kritik an vereinfachenden Darstellungen des afrikanischen Staates formuliert, die von einer Dichotomie zwischen modernem Staats-apparat und afrikanischer Gesellschaft ausgehen, die für die Dysfunktionalität des Ersteren verantwortlich gemacht wird.