Helbling, Jürg / Schwörer, Tobias Politik und Recht II: Theorien tribaler Kriege
Mi 10–12 Seminar

Das Seminar soll einen Überblick über die verschiedenen Theorien von Kriegen in tribalen Ge-sellschaften geben. Kriege zwischen Lokalgruppen oder Koalitionen von Lokalgruppen gehö-ren zum festen Bestandteil der Ethnologie seit ihres Entstehens. Sie bilden jedoch kein anti-quiertes Phänomen. Tribale Kriege lassen sich auch heute – in Neuguinea, Amazonien, in Ostafrika und Südostasien – beobachten. Immer handelt es sich um Kriege marginaler Bevöl-ke-rungsgruppen, die dem staatlichen Gewaltmonopol nicht – nicht mehr oder noch nicht – voll-ständig unterstehen.
Folgende Theorien des Krieges in tribalen Gesellschaften sollen diskutiert werden: 1) Krieg aufgrund angeborener Aggressivität (Lorenz 1963, Eibl-Eibesfeldt 1984), einer Konkurrenz zwischen Männern um knappe Frauen zwecks eines relativen Fortpflanzungs- bzw. eines ge-ne-tischen Selektionsvorteils (Durham 1991, Chagnon 1988, 1990) oder aufgrund psychologi-scher Mechanismen wie Frustration und Aggression (Dollard 1939). 2) Krieg aufgrund von Werten, Normen, Motivationen, die gewalttätiges Verhalten hoch bewerten (Ross 1993, Ro-bar-chek 1989, 1992, Orywal 1995, 1998) und über entsprechende Sozialisationsmechanis-men reproduziert werden (Whiting 1965). 3) Krieg als Resultat einer Konkurrenz um knappe Res-sourcen: um Land (Vayda 1961, Rappaport 1968), Wildbestände (Harris 1977, 1984) oder um Handelsgüter (Ferguson 1992), aber auch um Frauen unter der Bedingung genereller Knappheit an Arbeitskräften (Harner 1975). 4) Krieg zur Aufrechterhaltung der Souveränität und Autono-mie lokaler Gruppen (Clastres 1977, Harrison 1993) oder als Folge von Strate-gien zur Macht-steigerung ihrer Anführer (Sillitoe 1978). 5) Krieg zwischen «fraternal inter-est groups» (patri-lokal-patrilinearen Lokalgruppen), weil Loyalitätsbeziehungen zwischen Lokalgruppen fehlen bzw. schwach sind (Otterbein 1985, Murphy 1957, Thoden van Vel-zen/van Wetering 1960). 6) Krieg, weil eine übergeordnete, gesellschaftsübergreifende Sank-tionsinstanz mit Gewaltmono-pol fehlt, die eine gewaltsame Austragung von Konflikten zwi-schen Lokalgruppen verhindern könnte (Koch 1973, 1974, 1976, Sahlins 1968). 7) Krieg als Resultat der Expansion von Ko-lonialstaaten in der «tribalen Zone» (Ferguson/Whitehead 1992).
Eine ausführliche Bibliographie wird zu Beginn des Semesters vorliegen. Diese Veranstaltung ist offen für Studierende, welche bereits ein Proseminar im Teilgebiet Politik und Recht be-sucht haben.

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