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Geiger, Danilo Frontiers: Zur Ethnographie und Geschichte staatlicher Grenzräume Proseminar Mo 10.1512 Im Zusammenhang mit dem aktuellen Diskurs der Gefährdung zivilisierter Staatlichkeit durch den Terrorismus und dem Schlagwort der «failed states», die es Letzterem erlauben, sich zu organisieren, ist die Weltöffentlichkeit an das Fortbestehen von Räumen erinnert worden, die zwar dem Hohheitsgebiet von Staaten zugerechnet, doch von diesen nur mangelhaft kontrolliert werden. Bei weitem nicht immer finden sie sich an der geographischen Peripherie des Staates; das Aufkommen ethnologischer Studien zu Räumen, die entlang von Staatengrenzen liegen (borderland studies), reflektiert zwar das gewachsene Interesse an Zonen reduzierter staatlicher Souveränität, lotet die allgemeine Problematik jedoch nur ungenügend aus. Ohne in der Regel als solche thematisiert zu werden, stand die «Grenze» (frontier) seit jeher im Zentrum ethnologischen Nachdenkens über nichtstaatliche Lebenswelten und deren Transformation im Zug der kolonialen und postkolonialen Eroberung. Im allgemeinsten Sinn handelt es sich dabei um eine Zone, in der sich in der Folge territorialer Expansion zwei Gesellschaften unterschiedlicher Art gegenseitig durchdringen (Lattimore 1940). Zugriffiger und gegenwarts-relevanter definiert, geht es um Gebiete staatlicher Hoheit, auf die die betreffenden Staaten zwar massgeblich einwirken, ohne sie jedoch vollständig zu kontrollieren, da es ihnen nicht gelungen ist, die Autonomie der dort ansässigen indigenen Gemeinschaften zu brechen (Ferguson und Whitehead 1992). Die Prioritäten staatlicher Herrschaft an der «Grenze» sind andere als in den Kerngebieten des Staates; das Interesse an der Durchsetzung der (national-)staatlichen Idee und der Erschliessung des Ressourcenreichtums dieser Gebiete geniesst Vorrang vor der Achtung der Rechte der Lokalbevölkerung, Erwägungen zum Schutz der Biodiversität und sogar der Maxime politischer Stabilität. «Grenz»-Gebiete sind ökologische Notstandsgebiete, und sie sind politisch notorisch unruhig; viele der virulentesten sezessionistischen Konflikte auf der Welt sind Antworten auf den gewaltgesättigten Prozess, in dem Staaten Stämme verdrängen. Als Orte staatlichen Machtvakuums wiederum ziehen «Grenzen» global operierende «terroristi-sche» Modernisierungsgegner an und geraten so ins Fadenkreuz der internationalen Terrorismusabwehr (Indonesien, Sudan, Afghanistan). Die Friedens- und Konfliktforschung, geleitet von unspezifischen Modellen staatlicher Fehlfunktionen, geriert sich ausgesprochen hilflos bei der Aufbereitung von Remeduren für Konflikte in solchen Räumen; unser Proseminar soll frühere wie gegenwärtige Schauplätze des «Grenz»-Geschehens begehen und somit dabei helfen, wesentliche Linien und Grundlogik(en) von «Grenz»-Konflikten herauszuarbeiten. Folgende Themenblöcke sind geplant: Der Mythos der «Grenze» als Nationen bildende, Demokratie stiftende Kraft Kritik an der mythischen «Grenze» Jenseits des Mythos: die Auferstehung der «Grenze» als analytisches Konzept Frontier-Subtypen 1: «rollende Grenzen» Frontier-Subtypen 2: «statische Grenzen» Die «Grenze» und ihre Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften Die wirtschaftliche Rationalität des «Grenzers» Arm und reich an der «Grenze» Phantasmagorien der Gewalt an der «Grenze» Die Schliessung der «Grenze» Die «Grenze» in den Zeiten der Menschenrechte und des Naturschutzes. Eine ausführliche Literaturliste wird bei Veranstaltungsbeginn aufgelegt; wer sich vorgängig mit dem Thema vertraut machen will, soll sich e-mailig beim Veranstaltenden melden. (Danilo Geiger: daniwgia@ethno.unizh.ch) Ausgewählte Literatur: Faragher, John Mack (Hg.). 1994. Rereading Frederick Jackson Turner: «The Significance of the Frontier in American History» and Other Essays. New York: Henry Holt and Co. Schmink, Marianne und Charles H. Wood (Hg.). 1984. Frontier Expansion in Amazonia. Gainesville: University of Florida Press. Tsing, Anna L. 2005. Friction: An Ethnography of Global Connection. Princeton and Oxford: Princeton University Press. |